Am 1. November 1991 wurde das „Nachbarschaftshaus Pfefferberg“ gegründet.

Ich war dabei, bei dieser Grundsteinlegung für das heutige Stadtteilzentrum Prenzlauer Berg.

Zum Jubiläum am 1. November 2021 war eine kleine Gesprächsrunde geplant, um an die Anfangszeit zu erinnern.

Der Personenkreis aus dieser Zeit ist an einer Hand abzuzählen. Die Menschen, denen Dank gebührt, weil sie 1991 der Senatsförderung zustimmten, kann ich nicht mehr finden. Herrn Wabelhorst zum Beispiel. Auch Herbert Scherer, der damalige Geschäftsführer des VskA, der uns all die Jahre eng verbunden blieb, ist wenige Tage vor dem verabredeten Termin gestorben.

Die Trauer über den Verlust dieses wichtigen Weggefährten hat das Jubiläum verdrängt.

Jetzt, einige Monate darauf und im Zusammenhang mit meinem Abschied, möchte ich auf diese 30 Jahre zurückblicken.

Das Stadtteilzentrum Prenzlauer Berg im Jahr 2010. Foto: Susanne Besch, STZ

Gründung und Aufbau

Die Anfangsjahre waren geprägt von der Erfahrung eines grundlegenden Umbruchs für uns, die Menschen Ostberlins.

Erklärtes Ziel war es, auf dem Pfefferberg-Gelände eine neue „Kulturfabrik“ aufzubauen, bei der gleichermaßen soziale, kulturelle und handwerkliche Organisationen und Projekte miteinander kooperieren. Das Nachbarschaftshaus sollte einen wesentlichen Platz als sozial-kulturelle Einrichtung auf dem Pfefferberg erhalten.

Die anfängliche Senatsförderung für das Nachbarschaftshaus 1991 betraf nur die Miet- und Einrichtungskosten für den ersten Standort im Erdgeschoß in der Christinenstraße 22. Ab Juli 1992 folgten Personalkosten.

Im Laufe der Jahre gab es mehrere Personalwechsel. Nur Conny Weiland ist fast so lange dabei wie ich und sie wird mit all ihren Erfahrungen hoffentlich noch ein paar Jahre bleiben. Andere Schwerpunkte kamen durch äußere Bedingungen dazu oder wurden von weiteren Kolleg*innen eingebracht und weiterentwickelt. So haben wir die Angebot im Haus der Bevölkerungsstruktur entsprechend weiterentwickelt und viele familienunterstützende Projekte und Freizeitkurse für Familien mit Kindern ins Haus geholt.

Schwerpunkte im Wandel der Zeit

Am Anfang waren die Themen Arbeitslosigkeit, Kränkung und Herabwürdigung, aber auch eigenbestimmtes Gestalten, optimistischer Aufbruch und schnelles Lernen.

Es war noch nicht abzusehen, wie sich der Stadtteil weiterentwickelt.

Die wichtigsten Zielgruppen der ersten Jahre waren die Älteren im Stadtteil, die „kinderreichen“ Familien und die arbeitslos gewordenen Menschen.

Zahlreiche ältere und betagte Menschen bevölkerten die Parkbänke. Kleine Kinder stromerten unbeaufsichtigt durch die Straßen. Für diese Kinder gründeten Kolleg*innen das KiZi (Kinderzimmer) als Anlaufstelle, wo sie einen Mittagstisch vorfanden, gemeinsam gekocht, gespielt und gelernt wurde. Mit diesen Kindern haben wir auch viel gearbeitet.

Von Beginn an war einer unserer engsten Kooperationspartner die Bürgerinitiative am Teutoburger Platz, kurz B.I. genannt.

Als ausgewiesenes Sanierungsgebiet war es notwendig, die Folgen der Modernisierung für die Bewohner*innen so weit mitzugestalten, dass möglichst viele bezahlbare Wohnungen erhalten bleiben.

Im Nachhinein ist ein wellenförmiges Verdrängungsmuster zu erkennen.

Von einem Ostberliner Altbauviertel mit viel Potential und Freiraum an städtischer Umgestaltung kam es zu einer neuen zahlenmäßig großen Bewohnerschaft von jungen kreativen Gruppen, viele mit Westberliner Erfahrungen im Gepäck.

Alternative Wohnprojekte entstanden, alternativ im Sinne von weniger gewinnorientierten, sondern eher solidarischen Gemeinschaften.

Heute haben wir schön sanierte Altbauten, die attraktiv für eine neue weltgewandte Bewohnerschaft mit gehobenen Ansprüchen an Lebensstil und Image ist.

Aus der B.I. ist der Verein Leute am Teute hervorgegangen.

Das KiZi ist inzwischen Teil der Jugendhilfe des BA im Mühlenkiez. Auch wir hatten unsere Fühler im Mühlenkiez ausgesteckt, aber zu der Zeit gab es noch andere aktive Organisationen dort.

Erst mit der Gründung der Kulturmarkhalle und unserem Projekt „Mehr als Willkommen“ haben wir mehr Präsenz im Mühlenkiez bewirkt, die jetzt durch das mobile Stadtteilzentrum mit seinem Projekt „Hallo Mühlenkiez!“ fest verankert wird.

Vernetzung und Kooperationen

Der Pfefferwerk Stadtkultur e. V. unternahm 1996 eine Aufgabenteilung. Der Verein behielt die kulturellen und künstlerischen Projekte in seiner Trägerschaft und übertrug das Nachbarschaftshaus als eine soziale Einrichtung seiner Tochter, der Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH.

Auf unseren Umzug aus den viel zu kleinen Räumen in der Christinenstraße in die Fehrbelliner Straße 92, folgte die Gründung des Stadtteilzentrums am Teutoburger Platz. Das geschah im Verbund mit der Selbsthilfekontaktstelle des HVD. Fortan bildeten die oberste und die unterste Etage das Stadtteilzentrum als ein öffentliches zugängliches Haus mit vielen Gruppenräumen, einer großen Gemeinschaftsküche und großen Terrassen. In der mittleren Etage wechselten die Einrichtungen, die in der Regel einen inhaltlichen Bezug zur Stadtteilarbeit hatten.

Nach zwölfjähriger erfolgreicher Kooperation am gemeinsamen Standort verlagerte der HVD seine Selbsthilfekontaktstelle schrittweise in das 2009 gegründete Stadtteilzentrum Pankow.

Letztendlich ergab sich eine bezirkliche Dreiteilung der Stadtteilzentren Pankows. Das Freizeithaus hat sich den Untertitel Stadtteilzentrum Weißensee zugelegt und wir haben uns entsprechend im März 2020 in Stadtteilzentrum Prenzlauer Berg umbenannt.

Die erfolgreichsten Ideen und Projekte

Platzcafé und Spielstraße

Angefangen haben wir mit einem einfachen Stand. Wir bauten einfach einen Tisch auf dem Teutoburger Platz auf und boten Kaffee und selbstgemachte Obsttorte an. Bald hatten wir eine Gruppe mehrerer älterer Damen und zweier Herren als Stammgäste, die uns gern in die warmen Räume folgten, als es im Freien zu kalt wurde. Andere Gruppen folgten.

Heute sind wir immer noch im öffentlichen Raum präsent. Wir gehören auch zu den Initiator*innen der Spielstraßen. Nach langjährigen Befragungen und Auseinandersetzungen ist die Templiner Straße jetzt in den Sommermonaten regelmäßig belebt mit Akteur*innen, die sich daran beteiligen und natürlich mit vielen munteren spielenden Kindern, die sich ein Stück Straße zurückerobern.

Werkstatt als Methode sozialer Arbeit

Die Idee, die Keramikwerkstatt als Methode sozial-kultureller Arbeit einzusetzen, hat sich auch all die Jahre bewährt. Die Gemeinschaft und das Gestalten in den Vordergrund zu stellen und Eigenleistung als Bedingung aufzustellen, hat vielen Nutzer*innen Partizipation ermöglicht. Ich habe immer mal wieder Weiterbildungskurse für Pfefferwerk-Mitarbeiter*innen gegeben und Artikel über die Arbeit in der Keramikwerkstatt geschrieben.

Nachhaltigkeit

Ein Tauschring war eine von Nachbar*innen selbstorganisiere Form von Nachbarschaftshilfe, bis sich eine neue Idee aufblühte. Commons war das neue Stichwort, Gemeingut. Es ging um gemeinschaftlichen Besitz und selbstorganisierte Wertstoffkreisläufe. Der Leihladen Leila belebte ab 2015 unser Souterrain als eines der nachhaltigsten Projekte, mit denen wir eng kooperierten. Es gab einen Fundus an Gebrauchsgegenständen, von Nachbar*innen angelegt und ständig erweitert, die ausgeliehen werden konnten. Ein belebender Nebeneffekt war der unmittelbare Tausch von Kleidung und Dingen. Es sollte bewusster, nachhaltiger und ökologischer gelebt werden. Schlussendlich quollen die Räume über vor lauter Dingen und Leuten.

Geschichte des Hauses

Die Fehrbelliner Straße 92 war ein Jüdisches Kinderheim. Ich bin über all die Jahre in die Gedenkkultur des Hauses hineingewachsen. Viele Projekte unter Einbeziehung ehrenamtlicher Mitarbeiter*innen, Einrichtung eines umfangreichen Archivs zur Geschichte des Hauses und seit 2007 die alljährliche Beteiligung am Tag des Offenen Denkmals gehören in diesen Arbeitsbereich. Darüber habe ich schon wiederholt im Pfefferwerk-Newsletter berichtet.

Demokratieförderung

 „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ war 2007 eine berlinweite Initiative des DPWV, an der wir uns in Kooperation mit der Netzwerkstelle mit einer Gesprächsreihe beteiligt haben. Die Abschlussveranstaltung im Pankower Rathaus war unsere erste Erfahrung, von einer rechten Gruppe gestört zu werden.

Eine gute Erfahrung an solidarischer Gemeinschaft machten wir mit dem Flüchtlingsstrom und der Gründung von Unterstützungskeisen rund um die Notunterkünfte.

Es war eine Phase eines größeren Einvernehmens im Stadtteil: Wir wollen in einer solidarischen Gemeinschaft leben, zusammen gestalten mit den Geflüchteten und nicht über ihre Köpfe hinweg.

Wir haben in den letzten Jahren mit der Sprungbrettförderung ein erfolgreiches Unterstützungsprogamm für geflüchtete Kinder in den Gemeinschaftsunterkünften aufgebaut. Die Kinder erhalten durch vielfältige Angebote von Naturerlebnissen, Spiel und Bewegung notwendige Förderung.

Galerie F92

Die Galerie F92 brachte bis jetzt viele Jahre lang etwas Glamour in unser Haus. Als soziale Einrichtung ist es nicht einfach, Kunst zu finanzieren. Die Kulturförderung steht sozialen Einrichtungen nicht zur Verfügung und die Förderung von sozialen Einrichtungen sieht keinerlei Kunst vor. Dennoch ist es uns allen gelungen, eine Galerie für bemerkenswerte DDR-Künstler*innen und auch für junge Kunstschaffende aus dem Stadtteil und darüber hinaus für Dokumentationen gesellschaftskritischer Initiativen und für Wanderausstellungen mit einem aktuellen Bezug zu betreiben.

Befragungen

Befragungen der Stadtteilbewohnerschaft waren immer wieder notwendig zur Einbeziehung aller bei der Gestaltung unseres Profils.

Beginnend bei einer ersten offenen Befragung an unserem Stand auf dem Teute, über eine Spendensammlung, mit der wir mit der versiegelten Spendenbüchse von Haus zu Haus zogen, um uns auch vorzustellen und Bedürfnisse abzufragen, bis hin zu einer umfangreichen aktivierende Befragung. Die Steigerung an Befragungen war 2017/18 der Bilderwettbewerb zum Thema Nachbarschaft: „Was ist für dich Nachbarschaft?“

Für mich war es das gelungenste Projekt. Es beteiligten sich Künstler*innen und Laien gleichberechtigt an der Ausstellung, ebenso Kinder und Nutzer*innengruppen des Hauses. Auch syrische Künstler*innen haben wir mit unserem Aufruf erreicht Aus diesem Projekt sind weitere Projekte hervorgegangen. Leider kam es durch Personalwechsel zu keiner Dokumentation. Wir haben nur einen kurzen Artikel im Newsletter des VskA veröffentlichen können.

Dann kam die Zeit, in der aktive Nutzer*innen mit innovativen Ideen durch Corona ausgebremst worden sind und wir herausgefordert waren, die Angebote anzupassen und die Kontakte aufrechtzuerhalten.

Übergang und Abschied

Zum Abschluss zeige ich in einer Ausstellung meine Arbeiten, mit denen ich ursprünglich angetreten bin, um auf dem Pfefferberg das erträumte sozial-kulturelle Zentrum mitzugestalten. Jetzt möchte ich wieder an die künstlerischen Arbeiten anknüpfen.

Ich bin dankbar für die erfüllten Arbeitsjahre. Und ich bin allen Wegbegleiter*innen, Nutzer*innen und Unterstützer*innen dankbar; und natürlich allen Pfefferwerk-Kolleg*innen, mit denen ich viel zu tun hatte; den Kolleg*innen der Bautechnik, IT, FiBu, Perso und Kita Oase, in der ich in den letzten fünf Jahren mitgearbeitet habe; allen voran aber denen, die ehrenamtlich aktiv und unterstützend das Stadtteilzentrum prägten.

Das Stadtteilzentrum hat immer wieder Projekte gehabt, die aus verschiedenen Gründen ein Ende fanden. Aber immer wieder sind neue Initiativen aufgeblüht.

Ich wünsche den jungen Kolleg*innen und all den Nachfolgenden alles Gute!

Susanne Besch, April 2022

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